Februar 2026
Seit über einem Jahr arbeitet das AZT gemeinsam mit dem Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) und weiteren Partnern an Lösungen für mehr Sicherheit im Bobsport.
Das für das AZT zunächst ungewöhnliche Projekt hängt eng mit dem Engagement der Allianz im Rahmen der Olympischen Spiele zusammen. Idee und Antrieb waren, nicht nur klassisches Sponsoring zu betreiben, sondern aktiv an der Sicherheit im Bobsport mitzuwirken. Ausgangspunkt waren die immer wieder vorkommenden Unfälle, verbunden mit teilweise schwerwiegenden Folgen für die Athleten, zuletzt der schwere Unfall des Schweizer Anschiebers Sandro Michel auf der Bahn im sächsischen Altenberg.
Das AZT war gefragt, seine Expertise im Bereich der Automobilsicherheit auf den Bobsport zu übertragen. Unterstützt durch die Technische Universität München (TUM), wurde im Rahmen des Projekts eine Gefährdungsanalyse der einzelnen Positionen im Bob vorgenommen. Dabei hat sich gezeigt, dass die beiden vorderen Sportler primär durch das Aufschlagen des Kopfes gefährdet werden. Die beiden hinteren Sportler haben bei einem Sturz ein hohes Risiko, aus dem Bob geschleudert zu werden. Genau für diese individuellen Risiken wurden in den folgenden Monaten in verschiedenen Phasen über Ideenfindung und erste technische Konzepte bis hin zu funktionierenden Prototypen, die in iterativen Entwicklungsschritten gemeinsam mit aktiven Athleten auf der Bobbahn getestet wurden, Lösungen gesucht.
Das aktuelle Konzept, das am 11. Februar 2026 anlässlich der Olympischen Winterspiele vom Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) mit den Experten des Allianz Zentrum für Technik (AZT) in Cortina d’Ampezzo vorgestellt wurde, besteht aus zwei Komponenten. Der Allianz Safety Sled ist mit einem Head Impact Protection (HIP) - System zur Vermeidung von Kopfverletzungen bei den Athletinnen und Athleten sowie dem Passive Athlete Safety System (PASS), einem Gurtsystem zur Sicherung des Bremsers und des zweiten Anschiebers im Bob, ausgestattet.
v.l.n.r.: Markus Beischl (Entwicklungsingenieur im AZT), Christian Sahr (Geschäftsführer AZT), Thomas Schwab ( Vorstandsvorsitzender BSD) und Christian Weishuber (Unternehmenskommunikation Allianz Versicherungs-AG) auf der Pressekonferenz in Cortina d´Ampezzo
HIP-System für einen besseren Kopfschutz
Die offene Bauweise des Bobs erfordert, ähnlich einem Cabrio, bei dem durch den Frontscheibenrahmen und den hinteren Überrollbügel eine Sicherheitszone ohne Dachstruktur geschaffen wird, eine vordere und hintere Struktur, die Kräfte von den Athletinnen und Athleten fernhalten kann. Die neue Sicherheitszelle im Bob soll direkte Einwirkungen auf die Insassen verhindern. Gefährdet ist vor allem der Kopf, der bei einem Sturz heute nicht ausreichend geschützt werden kann. Zu diesem Zweck wurde der HIP (Head Impact Protection) vorne entwickelt, der unmittelbar den Kopf der Fahrerin oder des Fahrers schützt. Die Erweiterung dieses Schutzes für die Anschieber und Anschieberinnen wird in einem weiteren Schritt durch erhöhte Anschubbügel hinten gewährleistet, so dass mehr sicherer Raum für alle Insassen verfügbar wird.
Christian Sahr, Leiter des AZT, fasst die Rahmenbedingungen für die Integration des HIP in den Bobsport wie folgt zusammen: „Für den Kopfschutz war es entscheidend, dass zuerst eine strukturelle Integration auch in bestehende Bobs einfach möglich ist, um die Umsetzbarkeit bei allen internationalen Teams zu gewährleisten. Daher muss eine weitgehend standardisierbare Ausführung gefunden werden. Zudem darf die Beweglichkeit der Athletinnen und Athleten beim zeitkritischen Einstieg in den Bob nicht behindert werden“.
Diese Entwicklungsarbeit wird vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin durchgeführt, das traditionell die Bobs für den BSD herstellt und daher die Erkenntnisse zu den strukturellen Anforderungen an den Bob ideal einbringen kann.
Das Head Impact Protector (HIP) - System
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PASS-Gurtsysteme schützen die Sportler in der Position 3 und 4.
Besonders gefährdet im Falle eines Sturzes ist die Position 4 im Bob aufgrund ihrer unvorteilhaften Körperhaltung bei diesen atypischen Belastungen. Er befindet sich in einer vulnerablen Situation, weil er sich nur sehr weit von seinem Körperschwerpunkt entfernt festhalten kann. Deshalb kann er im Falle eines Sturzes aus dem Bob gehoben werden. Um dies zu verhindern, ist eine schwerpunktnahe Sicherung notwendig. Das ganzheitliche Sicherheitskonzept des BSD und der Allianz sieht deshalb vor, dass bevorzugt die beiden hinteren Athleten im Schlitten gesichert werden. Die Insassensicherung dazu wurde im AZT entwickelt.
Markus Beischl, im AZT als Entwicklungsingenieur maßgeblich am Konzept beteiligt und für die Umsetzung verantwortlich beschreibt das Vorgehen in der Entwicklung wie folgt: „Wir haben mit dem Bob-Team Illmann einige Konzepte am Eiskanal Altenberg testen können. Hierbei hat sich für den Bremser ein Gurtsystem als beste Lösung gezeigt, bei dem der Athlet in eine bereits geöffnete Gurtschlaufe springt und diese sich danach automatisch um sein Becken legt. Im Falle eines Sturzes kann der Sportler so im Schlitten gehalten werden. Damit können Eiskontakte und damit einhergehende Verletzungen wie beispielsweise an der Wirbelsäule oder auch nur Verbrennungen durch das Scheuern auf dem Eis bei hoher Geschwindigkeit vermieden werden“.
Des Weiteren wird derzeit erprobt, ob und wie eine zusätzliche Handgelenksicherung den Oberkörper des Bremsers im Fall von Bewusstlosigkeit innerhalb der Sicherheitszelle halten kann.
Die Sicherung des Sportlers auf Position 3 ist aufgrund der engeren Platzverhältnisse anspruchsvoller. Hierbei hat das AZT eine Ankopplung mithilfe eines am Becken getragenen Gurtes an einem automatischen Verschlusssystem entwickelt, das an der Fahrwerkstruktur hinter dem Athleten befestigt wird. Das Konzept wird derzeit bereits mit den Aktiven erprobt.
Der Athlet in der Position 2 wird durch das HIP-System geschützt und hat aufgrund seiner Sitzposition ein sehr geringes Risiko aus dem Schlitten geschleudert zu werden.
Der Pilot ist aufgrund seiner Sitzposition vor dem Herausfallen aus dem Schlitten ausreichend gesichert.
Das Passive Athlete Safety System (PASS)
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Quantensprung für die Sicherheit im Bobsport
Thomas Schwab, Vorstandsvorsitzender des BSD, fasste die Entwicklungen der letzten Monate auf der Pressekonferenz in Cortina d´ Ampezzo so zusammen: „Der Bobsport ist die Formel 1 des Wintersports und als schnellste Wintersportart bleiben die Gefahren sehr real. Während an der Sicherheit der Bahnen in den vergangenen Jahren erfolgreich gearbeitet wurde, werden wir künftig mit dem HIP- und PASS-System die Sicherheit der Athletinnen und Athleten im Bobsport deutlich erhöhen. Beide Lösungen bedeuten einen Quantensprung für die Sicherheit im Bobsport.”
Der Allianz Safety Sled mit den neuen Sicherheitsfeatures HIP und PASS
Wie geht es weiter?
Die beiden Konzepte werden zeitnah mit den Sport- und Materialkommissionen des Internationalen Bob & Skeleton Verbandes (IBSF) besprochen. Dabei ist es wichtig, dass die vorgestellten Lösungen mit den Experten und den Herstellern der Sportgeräte so gestaltet werden, dass die Adaption auf unterschiedliche Bob-Modelle einfach und problemlos umgesetzt werden kann.
„Die Zielstellung wäre, dass beide Systeme bis spätestens Mitte 2028 zum Einsatz kommen“, sagte Thomas Schwab.
Für das AZT bedeutet dieses spannende Projekt einen weiteren Meilenstein in seinem Engagement für mehr Sicherheit – ob auf Straßen, Rennstrecken (wie seinerzeit in einem ähnlichen Projekt mit der Formel 1) oder nun im Eiskanal. Technisches Know-how ist auf verschiedene Anwendungsfälle transferierbar und kann in ganz verschiedenen Bereichen Nutzen stiften. Wir freuen uns, wenn die vorgestellten Entwicklungen bald großflächig ihren Einsatz finden und zukünftig helfen, Unfälle zu verhindern.
Aber jetzt wünschen wir den Sportlerinnen und Sportlern des Bob- und Schlittensports erstmal erfolgreiche und unfallfreie Olympische Spiele!
Die Pressemitteilung anlässlich der Vorstellung der Sicherheitssysteme HIP und PASS ist hier abrufbar: Mehr Sicherheit im Bobsport