Juli 2026
Das Fahrzeugsegment Wohnmobil wächst stark – seit April 2025 sind über eine Million Wohnmobile in Deutschland zugelassen. Gleichzeitig bestehen erhebliche bauliche Unterschiede innerhalb des zulassungsrechtlichen Begriffs „Wohnmobil": Alles von kleinen Kastenwagen bis hin zu großen Vollintegrierten fällt unter den Begriff. Darüber hinaus schreibt die EU mit der General Safety Regulation II seit dem 7. Juli 2026 bestimmte Fahrerassistenzsysteme für die Neuzulassung von Wohnmobilen vor.
Trotz dieser Entwicklungen fehlte bislang eine spezifische Betrachtung von Wohnmobilunfällen – insbesondere aus Versicherungsperspektive. Im Allianz Zentrum für Technik wurde daher eine Forschungsdatenbank aufgebaut, um das Schadengeschehen von Wohnmobilen systematisch zu analysieren.
Die Datenbank beinhaltet 564 Vollkasko-Unfälle aus dem Schadenjahr 2024 von Wohnmobilen bis 3,5 t zulässigem Gesamtgewicht. Jeder Unfall wurde unter anderem zu Unfallhergang, beschädigten Bauteilen und der Reparatur ausgewertet, so wurden insgesamt 187 Merkmale je Unfall erfasst.
Der Aufbau der Datenbank verfolgt drei zentrale Fragestellungen:
● Wie verunfallen Wohnmobile?
● Welche Unterschiede zeigen sich zwischen den verschiedenen Bauweisen?
● Welche Fahrerassistenzsysteme adressieren die typischen Unfälle von Wohnmobilen?
● Der klare Fokus bei der Auswertung liegt auf Sachschäden, sie machen 97,7 % der analysierten Unfälle aus.
● Park- und Rangierunfälle machen 64,3 % aller Unfälle aus und sind für 51,6 % des gesamten Schadenaufwands verantwortlich.
● Bei Wohnmobilen in Sandwichbauweise (Teilintegrierte, Vollintegrierte und Alkoven-Wohnmobile) kommt es zu einer deutlichen Häufung der Unfälle im Sommer. Ihr Auslandsanteil liegt bei 44,0 %. Im Unterschied dazu sind die Unfälle von Kastenwagen gleichmäßiger über das Jahr verteilt, ihr Auslandsanteil lag bei nur 21,4 %. Die Unterschiede deuten auf eine unterschiedliche Nutzung der Fahrzeuge hin. Während Wohnmobile in Sandwichbauweise vor allem für lange Urlaubsreisen zum Einsatz kommen, werden Kastenwagen auch als Alltagsfahrzeug verwendet.
● Die Wahrscheinlichkeit eines Totalschadens unterscheidet sich zwischen den Bauweisen statistisch signifikant: 9,0 % der Unfälle von Wohnmobilen in Sandwichbauweise führen zu Totalschäden. Demgegenüber stehen Kastenwagen mit 4,1 %.
Reifenplatzer können bei Wohnmobilen in Sandwichbauweise durch die Bodenplatte schlagen und so leichter zu Totalschäden führen. Einen möglichen Einfluss auf Reifenplatzer können Über- und Fehlbeladung nehmen, zwei bekannte Probleme bei Wohnmobilen. In einer Messkampagne der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Jahr 2016 überschritten 51 % der Wohnmobile das zulässige Gesamtgewicht. In Versicherungsdaten sind Über- und Fehlbeladung nicht direkt ermittelbar, es lassen sich jedoch Indizien ableiten:
● 3,0 % aller Unfälle von Wohnmobilen in Sandwichbauweise sind auf Reifenplatzer zurückzuführen, bei Kastenwagen waren es nur 0,9 % der Unfälle.
● 10,8 % der Unfälle sind auf Fahrfehler zurückzuführen – eine falsche Beladung beeinflusst das Fahrverhalten und könnte somit zu Fahrfehlern führen.
Unsere Empfehlung an Wohnmobilfahrer lautet daher: Kontrollieren Sie Reifenalter, -zustand und -druck regelmäßig, halten Sie das zulässige Gesamtgewicht ein und achten Sie auf eine gleichmäßige Achsbelastung.
Die Untersuchung zum Einfluss von Fahrerassistenzsystemen kam zu folgenden Ergebnissen:
● Der Notbremsassistent adressiert mit 6,9 % zwar einen kleineren Anteil der Unfälle, diese sind jedoch mit 11,4 % des Schadenaufwands besonders kostenintensiv. Das Ergebnis unterstützt damit die verpflichtende Aufnahme des Systems im Rahmen der oben genannten EU-Verordnung.
● Die EU-Verordnung schreibt als Parksystem lediglich eine Erkennung beim Rückwärtsfahren vor. Die Auswertung zeigt jedoch: Für das Schadengeschehen von Wohnmobilen ist eine seitlich gerichtete Parkfunktion besonders relevant – sie adressiert 32,2 % der Unfälle, die 29,8 % des Schadenaufwands ausmachen.
Die Unfalldatenbank liefert erstmals eine versicherungsbasierte, systematische Analyse des Schadengeschehens von Wohnmobilen und ergänzt damit das bisherige Verständnis zu Unfällen von Wohnmobilen um eine Versicherungsperspektive. Sie bringt relevante Unterschiede der Bauweisen zum Vorschein und unterstreicht die Bedeutung seitlich gerichteter Parkassistenzsysteme für Wohnmobile.