Oktober 2026
Dass Ablenkung eines der größten Risiken im Straßenverkehr darstellt, ist schon lange bekannt. Wie groß ihr tatsächlicher Einfluss jedoch wirklich ist, wurde bisher oft unterschätzt und nicht konkret quantifiziert. Genau deshalb stand der diesjährige Allianz Motor Day unter dem Motto „SWIPE. TAP. CRASH. – Driver Distraction in the Digital Car.“ und beschäftigte sich gezielt mit der Fahrerablenkung in immer digitaler werdenden Fahrzeugen.
Das vom AZT anlässlich des Allianz Motor Day durchgeführte umfangreiche Forschungsprogramm zeigt, dass Ablenkung weit häufiger vorkommt, als Unfallstatistiken vermuten lassen: Ablenkung ist an jedem dritten Verkehrsunfall beteiligt – entweder als unmittelbarer Auslöser oder als mitverursachender Faktor. Eine besonders wichtige Rolle bei der Frage, wie lange der Fahrer den Blick von der Straße abwendet, spielt das Design der Touchscreen-Oberfläche im Fahrzeug. Besonders lange Blickabwendungen von mehr als zwei Sekunden erhöhen das Unfallrisiko erheblich – das Problem ist dabei nicht der Touchscreen selbst, sondern wie Funktionen im Cockpit umgesetzt sind.
Dr. Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik fordert: „Für eine sichere Fahrzeugbedienung braucht es verbindliche Empfehlungen, welche Funktionen über physische Schalter und welche per Touchscreen gesteuert werden sollten. Gleichzeitig sollten wissenschaftliche Erkenntnisse zur Mensch-Maschine-Interaktion konsequent genutzt werden, um Touchscreen-Bedienungen so auszugestalten, dass sie den Fahrer möglichst wenig vom Verkehrsgeschehen ablenken.“
Auch die Ergebnisse einer internationalen Umfrage in 9 Ländern bestätigt die Relevanz des Themas: 79 % der Befragten gaben an, dass die Technik im Auto die Ablenkung in den letzten Jahren verschlimmert hat und 53 % stufen das allgemeine Ablenkungsrisiko als hoch oder sehr hoch ein. 73 Prozent der Fahrer, die in den vergangenen drei Jahren einen Unfall verursacht haben, halten Ablenkung für eine definitive oder mögliche Ursache. Entsprechend groß ist der Wunsch nach einfacherer Bedienung: Rund zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) wünschen sich für bestimmte Funktionen klassische Bedienelemente z.B. Tasten oder Drehregler statt einer ausschließlichen Touchscreen-Bedienung. Gemeinsam mit anwesenden Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wurden die Forschungsergebnisse und weitere Facetten des Themas Ablenkung diskutiert und drei zentrale Handlungsfelder zur Reduzierung von Ablenkung im digitalen Auto formuliert:
1. Fahrzeughersteller: Relevante Funktionen müssen leicht zugänglich und jederzeit bedienbar sein, zum Beispiel auch per Schalter.
Fahrzeughersteller müssen Bedienkonzepte konsequent an den Anforderungen des realen Fahrbetriebs ausrichten. Sicherheitskritische Funktionen wie Scheibenwischer, Blinker, Abblend- und Fernlicht, Warnblinker sowie Scheibenheizung und -entfrostung müssen schnell und intuitiv erreichbar sein. Bedienelemente sollten permanent zugänglich bleiben, entweder über physische Bedienelemente oder über klar definierte, ständig verfügbare Bereiche auf dem Touchscreen. Dies verkürzt die Suchzeit, sorgt dafür, dass der Blick des Fahrers auf der Straße bleibt, und erleichtert die Bedienung ungewohnter Fahrzeuge. In Europa prämiert Euro NCAP bereits Designs, die direkten Zugriff auf wichtige Funktionen bieten, anstatt diese in Menüs zu verstecken.
2. Regulierung und Überwachung müssen mit der Digitalisierung Schritt halten.
Regulierungs- und Vollzugsbehörden sollten das Thema Ablenkung systematisch angehen, beginnend mit einer einheitlichen Erfassung. Wirksame Regulierung, Durchsetzung und Technologien zur Überwachung von Ablenkung können dazu beitragen, riskantes Verhalten zu verhindern, das Verständnis für das Problem zu verbessern und Unfälle aufgrund von Ablenkung zu reduzieren. Da Fahrzeuge zunehmend digitaler werden, müssen sich auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und Durchsetzungsmaßnahmen weiterentwickeln, um neuen Ursachen für Ablenkung Rechnung zu tragen.
3. Autofahrer tragen zentrale Verantwortung.
Trotz aller technischen Unterstützung bleibt die Aufmerksamkeit des Fahrers der entscheidende Sicherheitsfaktor. 87 Prozent der Befragten in Deutschland sehen die Hauptverantwortung für die Vermeidung von Ablenkung bei sich selbst. Fahrerassistenzsysteme können unterstützen, den Fahrzeuglenker jedoch nicht ersetzen. Umso wichtiger sind Aufklärung, Fahrerschulungen und wirksame Hinweise im Fahrzeug, um das Bewusstsein der Fahrer für die Risiken von Ablenkung nachhaltig zu stärken.
Dr. Christian Sahr (Geschäftsführer, Allianz Zentrum für Technik) und Erin Baker (Moderatorin) eröffnen den 14. Allianz Motor Day.
Keynote Speech von Dr. Klaus-Peter Röhler (Mitglied des Vorstands der Allianz SE).
Dr. Lucie Bakker (Schadenvorständin, Allianz Versicherungs-AG) und Frank Sommerfeld (Vorstandsvorsitzender, Allianz Versicherungs-AG) präsentieren zum Thema Ablenkung im digitalen Auto.
Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Prof. Samuel Madden (Co-Founder und Chief Scientist, Cambridge Mobile Telematics (CMT), Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT)) ,Dr. Katharina Amann (Leitung Kraftschaden, Allianz Versicherungs-AG), Erin Baker (Moderatorin), Prof. Dr. Klaus Bengler (Professor für Ergonomie an der Technischen Universität München (TUM)), Dr. Christian Sahr (Geschäftsführer, Allianz Zentrum für Technik), Matthew Avery (Leitung Strategische Entwicklung, Euro NCAP), Dr. Ing. Mohamed Brahmi (via Online-Stream, Policy Officer, Europäische Kommission DG GROW).
Mehr Informationen zur Veranstaltung sowie den ausführlichen Report und Pressematerial können auf der eigenen Landing Page zum Motor Day abgerufen werden: Allianz Motor Day 2026 Swipe. Tap. Crash. Driver distraction in the digital car | Allianz